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  • Medi2Food – Kombinierte Speisen- und Medikamentenversorgung à la Unit-Dose

    Ausgangslage
    Der Krankenhausaufenthalt eines Patienten wird im Wesentlichen beeinflusst durch die medizinische Versorgung, die Medikation und das Wohlbefinden des Patienten. Um eine frühe Genesung des Patienten zu erzielen und die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus zu verringern ist eine optimale Versorgung und Sicherheit zu gewährleisten.
    Im Krankenhaus werden Patienten täglich mit Medikamenten und Speisen versorgt. Diese Versorgungströme verlaufen trotz möglicher Einnahmewechselwirkungen getrennt voneinander. Medikamente werden auf der Station in der Regel vom Pflegepersonal manuell einmal täglich „gestellt“ und dann zu den Essenszeiten an die Patienten verteilt. Durch die manuellen Prozesse der Medikamentenvorbereitung können hohe Qualitätsprobleme bis hin zur Fehlmedikationen durch Medikamentenvertauschung entstehen.

    Technische Unterstützungen, die die händische Medikamentenstellung ersetzen und das Medikamentenlager in Krankenhäusern und Apotheken automatisieren, sind bereits in Form von Kommissionierautomaten verfügbar. Die Bandbreite der Kommissioniersysteme erstreckt sich von halbautomatischen Kommissionierautomaten, die manuell befüllt werden, bis zum vollautomatischen Komissioniersystemen, die alle Medikamentenpackungen sortieren, weg- und einräumen, aber auch wieder in die Apotheke transportieren. Eine technikunterstützte Kommissionierung von Arzneimitteln ist derzeit durch den Einsatz eines Unit-Dose Konzeptes möglich, bei dem oral zu verabreichende Arzneimittel patientenindividuell zusammengestellt, verpackt und auf die Stationen geliefert werden.
    Diese Systeme erreichen eine hohe Qualität. Aufgrund der Logistikkosten werden diese jedoch zumeist nur einmal täglich (in der Regel vormittags) auf die Stationen verteilt. Eventuelle Medikationsänderungen (zumeist nach der Visite am Vormittag) können hier erst mit Zeitverzug oder durch Sondertransporte berücksichtigt werden.

    Die Herausforderung ist es, ein innovatives Versorgungskonzept zu entwickeln, das Synergien schafft und flexibel auf Änderungen reagieren kann und zugleich die effiziente und sichere Versorgung der Patienten im Krankenhaus gewährleistet.

    Lösungsansatz
    Im Rahmen des Forschungsprojektes „Hospital Engineering“ wird unter dem Leitthema „Medi2Food“ ein Konzept und eine Weiterentwicklung von Kommissionierautomaten erarbeitet, die eine Bündelung der Speisen- und Medikamentenversorgung und eine automatische patientenindividuelle Zuordnung ermöglicht.  

    Hierbei soll das Konzept der Unit-Dose zum Einsatz kommen. Alleine durch die automatische Zusammenstellung und Blisterung von patientenindividuellen Medikamenten wird eine erhöhte Sicherheit der Medikation erzielt, da die manuelle Medikamentenvorbereitung durch das Pflegepersonal entfällt. Beim Prozess der automatischen Verblisterung werden die einzelnen Tabletten in Tütchen eingeschweißt und anschließend einer optischen Kontrolle unterzogen. Die Tütchen werden zusätzlich mit der Medikamentenbezeichnung und mit einer Patientenidentifikation bedruckt und sind daher eindeutig zuordenbar. Durch die Zusammenführung mit dem personifizierten Essenstablett reduziert sich die Verwechselungsgefahr weiter. Zudem kann bei der Essensverteilung durch eine zusätzliche Identifikation des Patienten, beispielsweise mit Barcodes, eine Verwechselung vollständig ausgeschlossen werden.
    Darüber hinaus sollen neben den Wechselwirkungen einzelner Medikamente untereinander auch Wechselwirkungen zwischen Speisen (z. B. Milchprodukte) und Medikamenten erfasst und gegebenenfalls durch Einnahmevorschriften oder Einschränkung der Wahlmöglichkeiten ausgeschlossen werden.

    Insgesamt ist durch das Leitprojekt „Medi2Food“ im Rahmen des Forschungsvorhabens „Hospital Engineering“ eine signifikante Erhöhung der Patientensicherheit durch eine zuverlässige Zusammenführung von Patient und Medikament sowie die lückenlose Dokumentation bis hin zum Patienten zu erwarten.

    Partner
    Um dem Konzept der kombinierten Speisen- und Medikamentenversorgung näher zu kommen, setzt das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML auf kompetente Partner, deren Beiträge essentiell für die Zielerreichung sind. Die Stiftung Katholisches Krankenhaus Marienhospital Herne unterstützt als Referenzkrankenhaus das Projekt mit dem Wissen um die Prozesse und Abläufe und ermöglicht so eine praxisnahe Konzeptionierung. Die Mach 4 Automatisierungstechnik GmbH, die zu den weltweiten Marktführern automatischer Medikamenten-Kommissionierer gehört, stellt im Rahmen des Medi2Food die notwendige technische Ausrüstung zur Verfügung und führt eine im Rahmen des Projektes notwendige Weiterentwicklung eines Kommissionierautomaten durch, um die Kopplung von Speisenversorgung und Medikamentenstellung technisch zu realisieren. RpDoc Solutions GmbH rundet mit der gleichnamigen Software zur elektronischen Medikamentenverordnung die Konzeptionierung von Medi2Food softwareseitig ab. Forschungsinstitut, Krankenhausanwender, Hard- und Softwarehersteller arbeiten eng miteinander um dem gemeinsamen Ziel einer kombinierten und sicheren Speisen- und Medikamentenversorgung näher zu kommen.

    Innovation
    Die im Rahmen des Hospital Engineerings angestrebte Kopplung des Speisen- und Medikamentenprozesses im Krankenhaus stellt eine bis dato nicht vorfindbare Konstellation in Krankenhäusern da. Insbesondere unter dem Aspekt der Erhöhung der Patientensicherheit durch eine zuverlässige Zusammenführung von Patient und Medikament, einer lückenlosen Dokumentation bis hin zum Patienten sowie der Beachtung von speisen- und medikamentenbedingten Wechselwirkungen ist dieser Ansatz innovativ.

    Hospital Engineering                                                                             
    Das Projekt Hospital Engineering, welches von der Landesregierung NRW und dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert wird, hat zum 01.01.2011 begonnen und wird voraussichtlich am 31.01.2014 enden. Das Projektvolumen beläuft sich auf 4,03 Mio. Euro. An dem Projekt sind 25 Partner beteiligt, die sowohl aus dem Bereich der Forschung (4 Fraunhofer-Institute des Ruhrgebiets, Universität Duisburg-Essen), als auch aus der Industrie und der Anwendungsdomäne Krankenhaus kommen.

    Ziel des Projektes ist es, Innovationen im und rund um das Krankenhaus bewertbar und alle Auswirkungen dieser Innovationen transparent zu machen. Jedes Institut bringt seinen eigenen Blickwinkel (Logistik, Energieeffizienz, Informationslogistik und Adaptivität) in die multiperspektivische Bewertung der Innovation ein. Die in den theoretischen Arbeitspaketen entwickelten Modelle werden mithilfe einzelner Leitprojekte in der Praxis umgesetzt. Eine erste Umsetzung erfolgt in dem Hospital Engineering Labor, welches derzeit im Fraunhofer-InHaus-Zentrum in Duisburg entsteht. Die Erkenntnisse aus dem Labor fließen in die Weiterentwicklung der Innovationen ein und werden letztendlich im Rahmen des Projektes in den einzelnen Krankenhäusern realisiert.